Samstag, 13. Mai 2017

... und Brücken sind ohnehin eine dumme Idee


Mehr als 400 Brücken verbinden die 116 Inseln, die durch 176 Kanäle getrennt sind und die das historische Zentrum Venedigs bilden. Von diesen Brücken sind übrigens 340 mit Fotos auf der Website "I Ponti di Venezia" dokumentiert.

Nicht immer und nicht von jedermann wurde die Lagunenmetropole in diesem Zustand für erhaltenswert befunden.
So schrieb zum Beispiel Heinrich Joachim Jaeck (Bamberg, 1777 - 1847) in seinem Reisebericht: 1)

Bloß die vielen Brücken sind, wie wir bereits erinnerten, wegen der 3 - 4 sehr breiten Treppen auf beiden Seiten, nur mit Ermüdung öfters zu ersteigen. Ohne diese Unbequemlichkeit würden die meisten Stadtbewohner ihre Wanderungen lieber zu Fuß machen, als in Gondeln durch die gewöhnlich stinkenden Kanäle fahren. Wir hoffen aber, daß durch die Ermunterung der Polizeidirektion manche vermögende Einwohner gedeckte Kanäle für die Aufnahme der Unreinlichkeiten aus den Abtritten ihrer Häuser herstellen, und die andere Hälfte der offenen Kanäle durch den von Zeit zu Zeit sich ergebenden Steinschutt zudecken lassen, wodurch das mühsame Wandern über viele Brücken, und viele Ausgaben für Gondelfahrten erspart werden können.

Ponte Tron o della Piavola
Zum Glück hat niemand auf Herrn Jäck gehört:

Ponte Tron o della Piavola sul Rio Orseolo 2),
San Marco


Dass es im 19. Jahrhundert auch Venezianer gab, die solche Ideen hatten, kann man in einem Artikel des Pietro Cecchetti im Journal "Il Vaglio" von 1843 lesen: 3)

IL VAGLIO Journal der Wissenschaften, Literaturen , Künste 13. Mai 1843
IL VAGLIO
Journal der Wissenschaften, Literaturen , Künste
13. Mai 1843



Cose Patrie
Abbellimenti di Venezia
Nuovo edificio ad uso della I. R. Direzione del Lotto
ed interrimento dei rivi di S. Silvestro e S. Apollinare

Circa poi al considerare del pari come abbellimento il sopra citato lavoro d'interrimento, dirò, che per esso viene ampiamente allargata gran parte di una tra le nostre più frequentate contrade, che le attigue case vengono liberate dalle ingrate esalazioni di un angusto rivo per accumulata belletta quasi colmato, che sono tolti di mezzo tre ponti di pubblico uso ed uno di privato (e i ponti sono in ubbia a tutti); che le comunicazioni tra calle e calle, tra casa e casa, vengono fatte più comode, brevi e piacenti: tutte queste ed altre utilità e agevolezze che si tacciono, e pur derivano dalla esecuzione di codesta opera, parmi che bastino a giustificare la sopra mentovata intitolazione.

Sant'Aponal und San Silvestrro mit den noch offenen Kanälen auf einer Karte Venedigs aus dem Jahre 1729
Sant'Aponal und San Silvestrro mit den noch offenen Kanälen auf einer Karte Venedigs aus dem Jahre 1729

(Ughi, Lodovico, and Giuseppe Baroni. [Iconografica rappresentatione della inclita città di Venezia consacrata al reggio serenissimo dominio veneto].
[Venice: Giuseppe Baroni á S. Giuliano, ?, 1729]
Map. Retrieved from the Library of Congress, https://www.loc.gov/item/2006629148/.
(Accessed May 13, 2017.))



Vaterländische Angelegenheiten
Verschönerungen Venedigs
Neues Gebäude für die kuk Lotto-Direktion
und Verfüllung der Kanäle von S. Silvestro und S. Apollinare

Alsdann sollten die vorerwähnten Arbeiten der Verfüllung als eine Verschönerung angesehen werden. Dass einer unserer geschäftigsten Stadtteile stark vergrößert wird,. dass die angrenzenden Häuser von den Ausdünstungen eines schmalen, fast ganz von Schlamm gefüllten Rio befreit werden, dass drei öffentliche Brücken und eine private Brücke aus dem Wege sind (und Brücken sind ohnehin eine dumme Idee), das die Verbindungen von Calle zu Calle, von Haus zu Haus bequemer, kürzer und attraktiver werden: all dies und die anderen Nützlichkeiten und Erleichterungen, von denen wir schweigen, obschon sie ebenso aus der Durchführung dieses Werkes resultieren, das scheint mir zu genügen, um die Überschrift „Verschönerungen Venedigs“ zu  rechtfertigen.

Sant'Aponal und San Silvestro auf der aktuellen online-Karte
der Stadt Venedig


Auf dieser Karte habe ich die verfüllten Kanäle blassblau markiert. Ehemalige Kanäle, die durch Zuschüttung zu Straßen wurden, erkennt man im Allgemeinen am Namenszusatz "Rio Terà" - von "Rio interrato" - "begrabener Kanal".

Kanäle bzw. Rii verschwanden nicht nur. Es wurden auch immer wieder neue Wasserwege geschaffen. Einer der neuesten Kanäle ist - nomen est omen - der Neue Rio, der Rio Novo. Dieser Kanal wurde erst in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gegraben. Er beginnt am Piazzale Rome, in Höhe der Ponte della Costituzone ("Calatrava"-Brücke") und mündet beim Rio dei Carmin - Santa Margarita in den Rio de Ca' Foscari. Von dort geht's dann zum Canal Grande.
Der Rio Novo sollte einmal den Weg zwischen Bahnhof und San Marco für die Vaporetti abzukürzen. Allerdings wird der Rio schon seit Jahrzehnten nur noch von Taxibooten zu diesen Zweck genutzt.

Rio Novo
Rio Novo mit den Brücken
Ponte de la Cereria und Ponte de la Sbiaca


Der Weg vom Bahnhof Santa Lucia nach San Marco verkürzt sich durch den Rio Novo von ca. 3,5 km auf ca. 2,5 km:

Bahnhof - San Marco via Rio Novo: rote Linie
Bahnhof - San Marco via Rio Novo: rote Linie

Kartendaten © OpenStreetMap contributors


Der Rio Novo zeichnet sich außerdem durch eine Besonderheit aus: An diesem Kanal gibt es Ampeln:

Rio Novo, Ampel am Rio de Malcanton
Rio Novo,
Ampel am Rio de Malcanton


_________________________________

1) "Venedig, beschrieben vom Bibliothakr Jäck zu Bamberg", Band 3 der "Reise nach Wien, Triest, Venedig, Verona und Innsbruck, im Sommer und Herbste 1821 von Jäck und Heller", Weimar, 1823.
Die Autoren waren der vormalige Zisterziensermönch und Stadtbibliothekar von Bamberg, Heinrich Joachim Jaeck (Bamberg, 1777 - 1847) und der Privatgelehrte und Kunstsammler
Joseph Heller (Bamberg, 1798 - 1849). Beide waren auch als Lokalhistoriker sehr produktiv.

2) Zu den erwähnten Ortsnamen: Tron und Orseolo sind die Namen venezianischer Patriziergeschlechter. Interessant ist die Bezeichnung "piavola". Wörterbücher des 17. und 18. Jahrhunderts verzeichnen das Wort "puavola" mit der Bedeutung Kleines Mädchen, Puppe, auch Modepuppe (abgeleitet vom lat. "pupa"). Die Ponte della Piavola bekam ihren Namen von den Schaufensterpuppen, die nach französischer Mode gekleidet unter den benachbarten Arkaden der Prokuratien ausgestellt waren.

3) "Il Vaglio - Giornale di Scienze, Lettere, Arti", 8. Jg. Nr. 19, 13, Mai 1843, p. 147 f.

Mittwoch, 10. Mai 2017

William Dean Howells -- Ein Amerikaner in Venedig


Kürzlich stieß ich auf eine interessante Beschreibung Venedigs aus dem Jahre 1866.
William Dean Howells (18371920) war ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller, der zwischen 1861 und 1865 Honorarkonsul in Venedig war. Es heißt, dass er diesen Posten seiner publizistischen Wahlkampfhilfe für Abraham Lincoln verdankte.

William Dean Howells kam im Winter in der Lagunenstadt an und beschreibt sehr anschaulich seine ersten Eindrücke.

Seine Bemerkung zu Tizians Gemälde "Das Martyrium des Hl. Laurentius" in der Gesuiti-Kirche möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

"In this dreary sanctuary is one of Titian's great paintings. The Martyrdom of St. Lawrence, to which (though it is so cunningly disposed as to light that no one ever yet saw the whole picture at once) you turn involuntarily, envious of the Saint toasting so comfortably on his gridiron amid all that frigidity."

In meinen Worten:

"In diesem tristen Heiligtum gibt es eines von Tizians großartigen Gemälden. Das Martyrium des Hl. Laurentius, dem man sich (obwohl es listigerweise so dem Licht ausgesetzt ist, dass niemand es bisher jemals in Gänze sah) unwillkürlich zuwendet - neidisch auf den Heiligen, der sich inmitten all dieser Kälte so bequem auf dem Bratrost wärmt."


Tizian, Das Martyrium des Hl. Laurentius (1567),

Tizian,
Das Martyrium des Hl. Laurentius (1567),
Chiesa di Santa Maria Assunta (Gesuiti), Cannaregio

[Quelle: Tizian [Public domain], via Wikimedia Commons]


Warum Howells die Gesuiti-Kirche so trist und kalt fand, lesen Sie am besten selbst. Das unbedingt empfehlenswerte Buch gibt es übrigens bei Amazon kostenlos im Kindle-Format.

Chiesa di Santa Maria Assunta (Gesuiti), Cannaregio
Chiesa di Santa Maria Assunta (Gesuiti), Cannaregio







Freitag, 5. Mai 2017

Spritz - ohne Worte


Spritz - Caffè Aurora, Piazza San Marco
Spritz Aperol  und Spritz amaro (aka "bitter" oder al Campari)
Caffè Aurora, Piazza San Marco


Spritz  Bar Al Canton, Campo San Barnaba

Spritz Aperol und Spritz amaro (aka "bitter" oder al Campari)
Bar Al Canton, Campo San Barnaba


Spritz - Naranzaria, Campo de l'Erbaria

Spritz Aperol und Spritz amaro (aka "bitter" oder al Campari)
Naranzaria, Campo de l'Erbaria


Spritz al piede del Ponte di Rialto
Spritz Aperol
Birreria Paulaner al piede del Ponte di Rialto


Spritz - Caffè Aurora, Piazza San Marco
Spriz Aperol uud al Campari
Caffè Aurora, Piazza San Marco


Spritz - Gelateria Paolin, Campo Santo Stefano
Spritz al Campari
Gelateria Paolin, Campo Santo Stefano


Spritz al piede del Ponte di Rialto
Spritz Aperol
Birreria Paulaner al piede del Ponte di Rialto


Spritz - Bar Al Todaro, Molo di San Marco
Spritz amaro (al Campari)
Bar Al Todaro, Molo di San Marco


Spritz - Bar Vittoria, Riva dei Schiavoni
Spritz al Campari und Spritz Aperol
Bar Vittoria, Riva dei Schiavoni


Spritz - Bar Gelateria Bellavista, Riva dei Schiavoni
Spritz Aperol und Spritz amaro
Bar Gelateria Bellavista, Riva dei Schiavoni


Spritz - Bar Bella Gio' Gio', Campiello de l'Anconeta
Spritz Campari und Spritz Aperol
Bar Bella Gio' Gio', Campiello de l'Anconeta


Spritz - Gelateria Paolin, Campo Santo Stefano
Spritz Aperol
Gelateria Paolin, Campo Santo Stefano


Spritz - Irish Pub, Bar Santa Lucia, Campo San Geremia
Spritz bitter
Irish Pub, Bar Santa Lucia, Campo San Geremia


Spritz - Irish Pub, Bar Santa Lucia, Campo San Geremia
Spritz Aperol und Merlot
Irish Pub, Bar Santa Lucia, Campo San Geremia


Spritz al piede del Ponte di Rialto
Spritz Aperol
Birreria Paulaner al piede del Ponte di Rialto


Spritz bitter Birreria Paulaner al piede del Ponte di Rialto
Spritz bitter
Birreria Paulaner al piede del Ponte di Rialto


Spritz Aperol und Spritz Campari Osteria Al Pesador, Campo de l'Erbaria
Spritz Aperol und Spritz Campari
Osteria Al Pesador, Campo de l'Erbaria


Spritz amaro Eiscafè Bistro Michelangelo
Spritz gibt's auch im Hohen Norden:
Spritz amaro
Eiscafè Bistro Michelangelo, Am Hafen, Husum an Schleswig-Holsteins Nordseeküste




... und für den Hausgebrauch:

Aperol Spritz Home edition
Aperol Spritz Home edition


Aperol Spritz Home edition
Aperol Spritz Home edition


... und zum Schluß das abschreckende Beispiel: "Spritz" aus der Dose


sprizzerol  NICHT ZU EMPFEHLEN!
sprizzerol

NICHT ZU EMPFEHLEN!






Mittwoch, 3. Mai 2017

Die Steinmatrikel von San Tomà


Über dem Eingang 2870 im Campiello del Piovan, neben der Kirche San Tomà im Sestiere San Polo, sieht man eine Schrifttafel, die in Venedig einzigartig ist. Sie führt nämlich die "banca", den Vorstand einer dem Apostel Thomas geweihten Scuola aus dem Jahre 1358 namentlich und mit Angabe der Berufe auf. Diese Tafel ist also quasi eine Mariegola (venez. für matricola - Matrikel) in Stein gehauen.

Die Laienbruderschaft um die es hier geht war die "Schola de San Tomà". Sie versammelte sich in der Sakristei der gastgebenden Kirche, die sich genau hier, hinter der durch die Steintafel bezeichneten Tür befand. Ihre Messen ließ die Bruderschaft am Hochaltar der Kirche des Hl. Thomas lesen.
Diese Scuola steht übrigens in keiner unmittelbaren Verbindung mit der Scuola der Zunft der Calegheri und Zavateri, der Schuhmacher und Schuhflicker, die gut hundert Jahre später ihr Zunfthaus - die Scuola - gegenüber auf dem Campo San Tomà erbauen ließ.


Campiello del Piovan, San Polo 2870
Campiello del Piovan, San Polo 2870


Während der der letzten paar hundert Jahre wurden zahlreiche Transkriptionen veröffentlicht, die nicht immer übereinstimmen. Manchmal schrieben die Autoren einfach voneinander ab und perpetuierten so auch die Fehler. Leider hat sich keiner der venezianischen Inschriftensammler und Transkribenten die Mühe gemacht, die Berufsangaben ins Italienische oder wenigstens in ein korrektes Veneziano zu übertragen. Manche der gotischen Buchstaben sind schwer von einander zu unterscheiden. So ist das "Z" dem "G" sehr ähnlich und das "G" wiederum dem "C". Insbesondere bei den Berufsbezeichnungen "galeder" (venez. calderer, ital. calderaio, dtsch. Kupferschmied) und "caleger" (venez. calegher,. ital. calzolaio, dtsch. Schuhmacher) bin ich mir nicht sicher, ob der Steinmetz sich nicht einfach nur verschrieben hat.

Dies ist jedenfalls meine Interpretation der Inschrift:


A NOME DE XPO AMEN AD HONOR Y STADO DEL BI
ADO APLO MIS SA TOMADO A REMIXIO D OGNI PECATOR
MCCCLVIII DL MESE D MAZO FO FATA E COMEZADA
QYSTA BNDETA SCOLA D MIS SA TOMA APLO GASTOL
DO S MAFIO NADAL E VICARIO S NICOLETO DALE STORE SC
RIVAN S FELIPO NADAL DGAN S PIERO BON DAL FERO E S FR
ACESCO VERIER E S PIERO ZIMADOR E S NICOLO BERETER E
S PIERO GALEDER E S LOREZO TENTOR E S ANTONIO GALED
ER E S ANDREA OREXE IACOMELO CALEGER NOZOLO GA
STOLDA DONA NICOLOTA E DEGANA DONA KTARINA DAL
A SORA LA QUAL SCOLA FO TRATA D UNA MARIEGOLA CH
E COPARSA IN MCLXXXVII DEL MESE D AVRIL


Die Formel "onore e stato" taucht in zeitgenössischen Schriften und Inschriften öfter auf ("ad onore e stato del re" / "ad onore e stato della signoria" etc.) und kann m.E. vernünftigerweise nur als "zur Ehre und zum Ruhm" o.ä. gedeutet werden. Ein weiterer Stolperstein waren die Worte "del biado apostolo". Für "biado" nennt Boerios Dizionario del Dialetto Veneziano die italienischen Entsprechungen "spelta, legume" - Spelt / Dinkel, Hülsenfrüchte. Erst eine Recherche nach "biado santo", ein Wortpaar. dass in Zusammenhang mit allen möglichen Heiligen in venezianischen Inschriften auftaucht, brachte mich auf die richtige Spur.
Beides lassen die Inschriftensammler, die auch eine venezianisch angehauchte italienische Übersetzung liefern, übrigens unübersetzt.


In nome di Cristo, Amen. All'onore e alla gloria del beato Apostolo Missier San Tomà. Alla remissione d’ogni peccatore.1358 nel mese di Maggio fu fatta e cominciata questa benedetta scuola di Missier San Tomà Apostolo.
. . .
La quale Scuola fu tratta di una matricola che comparsa nel 1187 nel mese di Avril.


"Im Namen Christi. Amen. Zu Ehren und Ruhm des gesegneten Apostels Sankt Thomas. Zur Erlösung aller Sünder. 1358 im Monat Mai wurde diese gesegnete Scuola des Heiligen Thomas gegründet."

Es folgt die Auflistung:

Gastaldo Vorsitzender Ser Mafio Nadal
Vicario Stellvertr. Vorsitzender Ser Nicoleto dale Store
Scrivan Schriftführer Ser Felipo Nadal
Degani Beisitzer Ser Piero Bon dal Ferro


Ser Francesco Verier 1


Ser Piero Zimador 2


Ser Nicolo Bereter 3


Ser Piero Galeder 4


Ser Lorenzo Tentor 5


Ser Antonio Galeder 4


Ser Andrea Orexe 6
Nonzolo Leichenbitter Ser Iacomelo Caleger 7
Frauenabteilung
Gastalda Vorsitzende Donna Nicolota
Degana Beisitzende Donna Katarina dalla Sora

Der Text schließt mit den Worten: "Dieser Scuola wurde eine Mariegola gegeben, die im Jahre 1187 im Monat April erschien".
Was also darauf schließen lässt, dass sich die Scuola auf eine 171 Jahre zuvor gegründete Bruderschaft bezieht und deren in den Matrikeln niedergelegten Regeln übernimmt. Tradition wurde in Venedig eben immer schon groß geschrieben.

(Nehmen Sie meine Übersetzung der "Vereinsämter" nicht zu wörtlich, sie stellen nur einen Anhaltspunkt dar. Die Funktionen entsprechen nicht unbedingt dem, was wir heute darunter verstehen. Eine Beschreibung der Aufgaben finden Sie demnächst in meinem Artikel über die Scuole Piccole.)

___________

Die Berufe:
   Venezianisch - Italienisch - Deutsch
1) verier / fenester - vetraio - Glaser
2) cimador - cimatore - Tuchscherer
3) bareter - berrettaio - Mützenmacher / -händler
4) calderer - calderaio / ramaio / battirame - Kupferschmied
5) tentor - tintore - Färber
6) orese - orefice / Goldschmied
7) calegher - calzolaio - Schuhmacher



Montag, 24. April 2017

La Beffa di Buccari


Auf der Giudecca, vor der Kirche des Allerheiligsten Erlösers - del Santissimo Redentore, steht ein ganz besonderes Exemplar der Fahnenmastsockel, die die Venezianer "abate del campo" nennen.

Die Stele aus istrischem Marmor weist auf eine "Heldentat" der Königlichen Italienischen Marine aus dem letzten Jahr des Ersten Weltkriegs hin, die (angeblich) genau hier vor der Kirche, begann. Ein Ereignis, an dem der Schriftsteller und irredentistische Aktivist Gabriele D'Annunzio als "freiwilliger Seemann", wie die Inschrift sagt, teilnahm. D'Annunzio war es auch, der dieser militärisch wenig erfolgreichen Operation den Namen gab: "La Beffa di Buccari" - "Die Verspottung von Buccari".

"Das Bubenstück von Buccari" würde sich als deutscher Titel vielleicht besser machen, trifft aber leider die Sache nicht ganz. Das Verb "beffare" bedeutet verspotten, verhöhnen, foppen -  und als Verspottung der k.u.k.-Kriegsmarine sollte die missglückte Aktion dem Volk verkauft werden.

Die Stele


Die Idee zu diesem Denkmal wurde bereits 1924 von Gabriele D'Annunzio an den Bildhauer Napoleone Martinuzzi ( Murano, 1892 – Venezia, 1977, Glaskünstler und Bildhauer) herangetragen, der zu dieser Zeit für den Schriftsteller an dessen Villa in Gardone Riviera arbeitete.

Aus Murano schrieb er am 7. August 1924 an seinen Auftraggeber einen Brief in dem das geplante Denkmal, das übrigens, wie in einem anderen Brief erwähnt, 3,5 bis 4 m hoch werden sollte, beschrieben wird.

"Murano 7-8-24
Mio Comandante,
Ich besichtigte das ganze Giudecca-Ufer mit Blick auf die Stadt und ich würde für die Platzierung der Stele die ausgedehnte Freitreppe vor der Erlöser-Kirche wählen. Der Ort scheint mir auch wegen seiner spirituellen Bedeutung glücklich gewählt zu sein. Mit der veränderten Freitreppe, wie in dem Entwurf gezeigt, den ich gleichzeitig sende, mit einem massiven Baukörper sowie den Stufen in der Mitte, erhalten wir eine organische und monumentale Anordnung, die sich gut in die Architektur im Hintergrund einfügt. Unsere Stele wird also am Erlösertag, dem venezianischsten Fest, auch die Funktion haben, die beiden Pilgerströme zu trennen, diejenigen, die die Kirche besuchen und diejenigen, die über die auf Booten gebaute Brücke zurückzukehren, eine Brücke, die direkt ins Zentrum dieser Treppe führt."


Die Stele sollte von zwei Löwen gekrönt werden, von denen der eine aufs Wasser, der andere aufs Land blickt. Die übrigen Dekorationen entsprechen etwa dem, was auch in kleinerem Maßstab realisiert wurde.

Der Stadt Venedig war das Ganze wohl doch ein paar Nummern zu groß gedacht (glücklicherweise) und das mag der Grund dafür gewesen sein, dass der Ideengeber Gabriele D'Annunzio zu der Enthüllung des Denkmals am 24. Mai 1928, dem Jahrestag der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn, trotz angekündigter Teilnahme nicht erschien.

Betrachten wir jetzt die Inschriften:

La Beffa di Buccari

IL III EQUIPAGGIO
---
ANDREA FERRA
RINI - VINCENZO
LAZZARINI - EMI
LIO DAVIDE - PAO
LO PAPA - CESA
RE DAGNINO - DO
MENICO PICCIRIL
LO - VMBERTO
BIANCAMANO
ANGELO RITTO
RE - SAVERIO BA
DIALI - MARIO
ALLEGRETTI 

I TRENTA DELLA BEFFA DI
BVCCARI SALPARONO DA
QVESTA RIVA IL X FEBBRAIO
MCMXVIII
CATALOGO DEI TRENTA
IL I EQVIPAGGIO
COSTANZO CIANO - LVIGI
RIZZO - ANGELO PROCAC
CINI - GIVSEPPE VOLPI
BENEDETTO BELTRAMIN -
GIVSEPPE CORTI - EDMONDO
TVRCI - MENOTTI FERRI
ACHILLE MARTINELLI
GABRIELE D'ANNVNZIO
VOLONTARIO MARINAIO

IL II EQUIPAGGIO
---
ODOARDO DE
SANTIS - GINO
MONTIPO - AR
TVRO MARTINI
SALVATORE GE
NITIVO - RAFFAE
LE ESPOSITO
GALLIANO FVRLA
NI - ONIGLIO CALZO
LARI - ANTONINO
MACALVSO - VIRGI
NIO GADDONI - VIN
CENZO CAGGERI


Die Vorderansicht zeigt oben eine Karte der Bucht von Buccari, dem heutigen kroatischem Bakar. Darunter steht:


"Die Dreißig der Verhöhnung von
Buccari stachen in See von
diesem Ufer am 10. Februar
1918.
Liste der Dreißig
Die 1. Besatzung
Costanzo Ciano [aus Livorno, Capitano di Fregata - Fregattenkapitän],
Luigi Rizzo [aus Milazzo, Capitano di Corvetta - Korvettenkapitän],
Angelo Procaccini [aus Mestre, Volontario Motonauta - Freiw. Maschinist],
Giuseppe Volpi [aus Viareggio, Capotorpediniere - Obertorpedist],
Benedetto Beltramin [aus Donada, Sottonocchiere - Unterbootsmann],
Giuseppe Corti [aus Ponza, Marinaio Scelto - Obermatrose],
Edmondo Turci [aus S. Arcangelo di Romagna, Fochista Scelto - Oberheizer],
Menotti Ferri [aus Massa Fiscaglia, Fochista - Heizer],
Achille Martinelli [aus Montalcino, Torpediniere - Torpedist],
Gabriele D'Annunzio [Schriftsteller aus Pescara d'Abruzzi],
Freiwilliger Matrose.


[Der in eckige Klammern gesetzte Text befindet sich nicht auf der Stele. Die Angaben zu den Herkunftsorten und den Dienstgraden stammen aus Internet-Veröffentlichungen.]


Torpedoboot MAS 96

MAS 96, das Boot der 1. Mannschaft.
Das Boot steht heute im Vittoriale degli Italiani, der ehemaligen Villa Gabriele D'Annunzios, in Gardone Riviera.

Aus der Wikipedia. Autor: Olonia - Opera propria, CC BY-SA 3.0, Collegamento


Die rechte Seite des Sockels zeigt unter einer Darstellung des geflügelten Markuslöwen "in moleca" die Liste der Besatzung des zweiten Bootes:


Die 2. Besatzung
Odoardo De Santis [aus Chiusi, Tenente di Vascello – Leutnant zur See],
Gino Montipò [aus Sassuolo, Capotimoniere - Hauptsteuermann],
Arturo Martini [aus Napoli, Capotorpediniere - Haupttorpedist],
Salvatore Genitivo [aus Favignana, Marinaio Scelto - Obermatrose],
Raffaele Esposito [aus Conca Marini, Marinaio - Matrose],
Galliano Furlani [aus Fano, Cannoniere Scelto - Oberkannonier],
Oniglio Calzolari [aus Pitelli, Torpediniere - Torpedist],
Antonino Macaluso [aus Palermo, Fochista Scelto - Oberheizer],
Virginio Gaddoni [aus Massa Lombarda, Fochista - Heizer],
Vincenzo Caggeri [aus Casale Monferrato, Torpediniere - Torpediost].


Und schließlich listet die dritte Seite unter dem Relief einer Meerjungfrau die Mannschaft des dritten Bootes auf:


Die 3. Besatzung
Andrea Ferrarini [aus Mantova, Sottotenente - Unterleutnant],
Vincenzo Lazzarini [aus Viareggio, Capotimoniere - Hauptsteuermann],
Emilio Davide [aus Finalmarina, Sottonocchiere - Unterbootsmann],
Paolo Papa [aus Trapani, Marinaio - Matrose],
Cesare Dagnino [aus Sestri Ponente, Capotorpediniere - Haupttorpedist],
Domenico Piccirillo [aus Vietri sul Mare, Capotorpediniere – Haupttorpedist],
Umberto Biancamano [aus Gallipoli, Cannoniere Scelto - Oberkannonier],
Angelo Rittore [aus S. Bartolomeo del Cervo, Cannoniere Scelto - Oberkannonier],
Saverio Badiali [aus Spezia, Fochista - Heizer],
Mario Allegretti [aus Terni, Fochista - Heizer].


Unter den genannten Männern sind drei, auf die ich hier noch einmal besonders eingehen möchte:


Gabriele D'Annunzio

* 12. März 1863 in Pescara; † 1. März 1938 in Gardone Riviera

Ich verweise der Kürze halber auf den Wikipedia-Artikel zu Gabriele D'Annunzio.
Hier nur soviel: Außer durch seine belletristischen Veröffentlichungen machte sich D'Annunzio vor Allem einen Namen mit seinen etwas exzentrischen Aktionen.

Er nahm nicht nur an der Beffa di Buccari teil. Am 9. August 1918, kurz vor Kriegsende, flog er mit einer Staffel von 11 Flugzeugen in das feindlich Österreich, um über Wien nicht etwa Bomben, sondern Flugblätter abzuwerfen. Seine persönliche Botschaft an die Wiener endete, in einem für D'Annunzio ganz typischen Stil, mit den Worten: „Das Drohen der Schwingen des jungen italienischen Adlers gleicht nicht der finsteren Bronze im morgendlichen Licht. Die unbekümmerte Kühnheit wirft über Sankt Stephan und den Graben das unwiderstehliche Wort, Wiener! Viva l’Italia.“

Seine letzte "Großtat" vollbrachte der überzeugte Irredentist nach dem Kriegsende. Im September 1919 besetzte er mit einer Gruppe Freischärler die Stadt Fiume (Rijeka) und errichtete dort seinen Privatstaat mitsamt eigenen Briefmarken und allem was dazu gehört. Erst die militärische Intervention der italienischen Regierung beendete den Zauber im Dezember 1920.

Eine kurze Charakterisierung D'Annunzios findet sich im Spiegel vom 23.08.1999 "Gabriele D'Annunzio Ästhet des Absurden"



Costanzo Ciano

* 30. August 1876 in Livorno; † 26. Juni 1939 in Ponte a Moriano bei Lucca.

Costanzo Ciano trat 1891 in die Marineakademie Livorno ein. Als Leutnant zur See nahm er am italienisch-türkischen Krieg 1911/12 teil.
1915, beim Kriegseintritt Italiens diente in der Führung der Torpedowaffe der Königlichen Italienischen Marine in Venedig. Ciano war an der Versenkung der SMS Wien und an der Beffa di Buccari beteiligt. Ende 1918 wurde Costanzo Ciano der Reserve zugeteilt und übernahm die Leitung von Giovanni Agnellis Reederei "Il Mare".

Ciano war Anführer der Faschisten in Livorno und nahm an Mussolinis Marsch auf Rom teil. Während der faschistischen Ära hatte er bis zu seinem Tod politische Spitzenämter inne.
Den Adelstitel Conte di Cortellazzo e di Buccari erhielt er 1925

Gian Galeazzo Ciano  (* 18. März 1903 in Livorno; † 11. Januar 1944 in Verona), Schwiegersohn Benito Mussolinis und von 1936 bis 1943 Außenminister Italiens war ein Sohn des Costanzo Ciano. Galeazzo Ciano war der 2. Graf von Cortellazzo und Buccari. Die Fantasietitel, die von KönigViktor Emanuel III. an alle möglichen Kriegshelden verliehen wurden, sind erblich in Primogenitur, d.h., auch heute noch tragen die jeweils erstgeborenen Söhne diese Titel.



Luigi Rizzo

* 8. Oktober 1887 in Milazzo; † 27. Juni 1951 in Rom.

Biographisches

1919 nahm er an Gabriele D’Annunzios Marsch auf Fiume teil. 1920 schied er als Fregattenkapitän aus der italienischen Marine aus und arbeitete bei Reedereien und Schiffswerften. Unter König Viktor Emanuel III. wurde er geadelt und erhielt den Titel eines Conte di Grado e Premuda. 1943 wurde er wegen Sabotageaktionen mit seiner Tochter Maria nach Deutschland deportiert und 1944 u.a. im Hotel Ifen in Hirschegg unter Arrest gestellt.

Versenkung der SMS Wien

In der Nacht vom 9. auf den 10. Dezember 1917 drangen zwei MAS unter Führung von Luigi Rizzo unentdeckt in den Hafen von Triest ein, wohin die k.u.k.-Kriegsschiffe SMS Wien und ihr Schwesterschiff SMS Budapest seit August 1917 worden waren, um die italienischen Befestigungsanlagen im Golf von Triest zu beschießen. Die Boote feuerten ihre Torpedos auf die beiden Schiffe ab. SMS Budapest wurde nicht getroffen, aber SMS Wien sank nach zwei Treffern in weniger als fünf Minuten, wobei 46 Seeleute den Tod fanden.

1925 bargen die Italiener Teile des Bugs und des Hecks der SMS Wien, auf denen der Schiffsname angebracht ist. Das Heckfragment wurde Gabriele D'Annunzio für seine Villa Vittoriale übergeben. Das zweite Wrackteil ist im Museo Storico Navale di Venezia, dem Marinemuseum in Venedig ausgestellt.

Bugfragment der SMS Wien im Marinemuseum Venedig
Bugfragment der SMS Wien im Marinemuseum Venedig

Autor Bonty (Own work) [GFDL or CC BY 3.0], via Wikimedia Commons


Versenkung der SMS Szent István

Seine zweite große Tat, die Rizzo den Beinamen l'Affondatore - Der Versenker - einbrachte, war eher einem Zufall zu verdanken.

Nachdem Miklós Horthy im Februar 1918 zum Kommandanten der k.u.k.-Kriegsmarine ernannt worden war, beschloss er, die vier Großkampfschiffe SMS Viribus Unitis, SMS Tegetthoff,
SMS Prinz Eugen und SMS Szent István einzusetzen, um die italienische Sperre der Meerenge von Otranto zu durchbrechen. An Bord der SMS Tegetthoff waren auch Kameramänner der Kriegsmarine-Propaganda sowie der Reporter Egon Erwin Kisch, die über den erwarteten Sieg angemessen patriotisch berichten sollten. Als Begleitschutz fuhren ein Zerstörer und sechs Torpedoboote mit dem Verband.

Auf der Heimfahrt von einer bis dahin ereignislosen Patrouille stießen MAS 15 und MAS 21 unter dem Kommando des Korvettenkapitäns Luigi Rizzo bei der Insel Lutrošnjak nahe Premuda am 10. Juni 1918 gegen 03:15 Uhr auf die k.u.k.-Schiffe. Im Schutz der Dunkelheit durchbrachen die Boote den Geleitschutz und feuerten gegen 03:30 Uhr auf die Szent István. Die Torpedos der MAS 15 trafen an der Steuerbordseite das Schott zwischen den Kesselräumen und den achteren Kesselraum selbst. Die Torpedos der MAS 21 verfehlten da Ziel. Beide Boote konnten nach Ancona entkommen.

Die Details des nun folgenden Dramas lasse ich hier weg. Nur soviel noch: Um 06:05 Uhr kenterte die Szent István sieben Minuten später verschwand sie unter der Wasseroberfläche. Die Verluste beliefen sich auf vier Offiziere und 85 Mannschaftsgrade, außerdem gab es 29 Verletzte. Nach dem Verlust des Schiffes wurde die gesamte Aktion gegen die Otranto-Sperre abgebrochen.
Der Untergang des Schiffes wurde von dem Kriegspresse-Kamerateam an Bord der Tegetthoff gefilmt. Neben der im Zweiten Weltkrieg gesunkenen Barham ist die Szent István das einzige Schlachtschiff, dessen Untergang gefilmt werden konnte.


Das Historische Umfeld


Italien war im 1. Weltkrieg mit Frankreich und Großbritannien gegen die Achsenmächte Österreich-Ungarn und Deutschland verbündet. Der Stellungskrieg gegen die österreichische Armee verlief mit wenig Bewegung aber großen Verlusten.

Auf See hatte der Gleichstand an Großschiffen mit der k.u.k.-Marine zu einem Stillstand geführt, weil beide Seiten den Verlust dieser Schiffe vermeiden wollten. Der Seekrieg in der Adria war gekennzeichnet durch plötzliche nächtliche Aktionen von kleinen Schiffen und von Verlusten durch Minen und U-Boote. In diesem Umfeld entwickelte die italienische Marine Spezialeinheiten mit schnellen Torpedobooten, MAS (Motoscafo Armato Silurante – Bewaffnete Torpedo Motorboote) genannt, die waghalsige Männer mit Abenteuergeist anzogen.

Nach dem Zusammenbruch der russischen Front standen deutsche Truppen zur Verfügung, die den Österreichern im November 1917 eine Offensive ermöglichten. In der Schlacht von Caporetto wurde die italienische Armee geschlagen und innerhalb von drei Wochen war die Front soweit zurückgeworfen, dass auch Venedig bedroht war.

Die Stimmung der Italiener war an einem Tiefpunkt angelangt. Man brauchte also eine spektakuläre öffentlichkeitswirksame Aktion.

Schlacht von Caporetto
Die Schlacht von Caporetto und italienischer Rückzug zur Piave.

By History Department of the US Military Academy West Point [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Operation


Das Kommando-Unternehmen richtete sich gegen österreichische Schiffe im Hafen von Buccari (heute Bakar, Kroatien). Dort lagen nach Erkenntnissen der italienischen Aufklärung sowohl Handels- als auch Kriegsschiffe. Der Hafen liegt gut geschützt in der Bucht von Bakar an der Spitze des Kvarner Golfs.



Die Operation wurde von Fregattenkapitän Costanzo Ciano geführt und umfasste die drei in Venedig stationierten MAS-Boote 94, 95 und 96 mit einer Crew von insgesamt 30 Männern. MAS 96 wurde von Leutnant Luigi Rizzo kommandiert. An Bord dieses Bootes war auch der Schriftsteller Gabriele D’Annunzio.

Über den zeitlichen Ablauf des Angriffs gibt es unterschiedliche Angaben. Soviel aber scheint festzustehen:

Um 10:45 Uhr am 10. Februar 1918 legten die MAS vom Ufer der Giudecca-Insel vor der Redentore-Kirche ab. Um Treibstoff zu sparen wurden sie von größeren Torpedobooten geschleppt. Im Schutz einer Eskorte von Zerstörern erreichte der Verband schließlich den Faresinakanal zwischen Istrien und der Insel Cherso (heute Cres) und die MAS wurden aus der kleinen Flottille entlassen. Die Eskorte zog sich in die offene Adria zurück, um dort auf die Rückkehr der Angreifer zu warten.

Gegen 22:15 Uhr begannen die drei Boote ihre Fahrt durch die Meerenge.
Ohne die Aufmerksamkeit der österreichischen Patrouillenboote und der Küstenbatterien bei Porto Re (heute Kraljevica) zu erregen, erreichten die Boote kurz nach Mitternacht, jetzt von Elektromotoren angetrieben, die Bucht. Im Hafen angekommen, fanden sie dort drei Frachter und einen Passagierdampfer vor.

Der Zielangriff begann um 01:20 Uhr.
MAS 95 feuerte seinen beiden Torpedos auf den größten der Dampfer ab. Einen Richtung Vormast, den zweiten Richtung Schornstein. Kein Torpedo erreichte sein Ziel.

MAS 94 zielte mit je einem Torpedo auf zwei der anderen Dampfer. Auch diese Torpedos blieben ohne Wirkung.

Dann feuerte MAS 96 seine beiden Torpedos in Richtung Schornstein des vierten Schiffs ab. Die anderen Torpedos hatten inzwischen das Torpedoschutznetz des Hafens beschädigt, so dass ein Torpedo den Frachter erreichte, explodierte, aber nur leichte Schäden hinterließ.

Diese Explosion löste den Alarm aus. Es gelang den Angreifern aber, aus der Bucht zu entkommen, die offene See zu erreichen und sich wieder mit ihrer Eskorte zu vereinen. Um 07:45 Uhr am 11. Februar erreichte der Verband ohne eigene Verluste schließlich den Hafen von Ancona.

In seiner typischen, etwas exzentrischen Manier (siehe auch seinen Flug über Wien am 9. August 1918) hinterließ Gabriele D'Annunzio im Hafen drei grün-weiß-rot versiegelte Flaschen mit Nachrichten an die Österreicher, in denen die Aktion bereits „La Beffa di Buccari“ - die Verhöhnung von Buccari - genannt wird.

Buccari von Westen
Buccari von Westen (um 1895)

Quelle: Library of Congress Prints and Photographs Division

Buccari von Osten
Buccari von Osten (um 1895)

Quelle: Library of Congress Prints and Photographs Division


Nachwirkungen


Trotz des geringen militärischen Erfolges, der vielleicht auch gar nicht angestrebt worden war, war die Aktion von großem psychologischen Wert für die Italiener, die die katastrophale Niederlage von Caporetto zu verdauen hatten. Die Demütigung des Feindes durch das ungehinderte Eindringen tief in deren Gewässer hob die Moral der italienischen Soldaten an den Fronten genauso wie die Moral der Zivilisten. Die Beffa di Buccari wurde in jeder erdenklichen Weise propagandistisch ausgeschlachtet. Gabriele D'Annunzio selbst schrieb sogar ein Lied dazu mit dem Tiel "La canzone del Quarnaro".

"La Beffa di Buccari" ist auch 100 Jahre später nicht vergessen. Sogar eine Armbanduhr der genuesischen Marke Memphis Belle kann man kaufen, die auf dem Ziffernblatt an das Ereignis erinnert.